Das Debüt: “Still halten” von Jovana Reisinger

Bild zu dem Roman "Still halten" von Jovana Reisinger. Bloggerpreis "Das Debüt". Eine zugewucherte Hütte, von der die Natur Besitz zu ergreifen scheint.

Oh, Österreich, dachte ich, als ich mich durch die ersten Seiten von Jovana Reisingers Debütroman “Still halten” frass. Es ist diese tänzelnde Sprache voller “Würstel” und “Ärschel”, der Kontrast zwischen dem Niedlichen und dem Abgründigen, die Heimatfilm-Heimat und die tiefschwarze Hass-Wut auf die verlogene Spitzendecke der Zivilisation. Das erinnert an Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard und zeugt von der Enge und Weite und Größe und Niedrigkeit, die, wie es scheint, das österreichische Lebensgefühl prägen und immer wieder zu so wilder, kontrastreicher Literatur führen – wie eben auch hier.

Eine Frau hat eine Diagnose bekommen, irgendwas Psychisches, sie darf jetzt ein Jahr zu Hause verbringen und sich ausruhen. Doch in dieser Frau ist alles durcheinander. Die Perspektive springt zwischen Ich-Erzählung und Außendarstellung “der Frau”, die keinen Namen bekommt, die aber ihrer Mutter so ähnlich ist, die ebenfalls eine fesche Frau war.
Der Mann, auch er bleibt namenlos, ist immer auf irgendwelchen Konferenzen. Die Frau vegetiert zu Hause vor sich hin, isst Torten und Cremeschnitten, und lässt die Tage vorbeiziehen. Schließlich der Einbruch in das Geschehen, ein Anruf: die Mutter liegt im Krankenhaus, eine Lungenentzündung, vielleicht liegt sie im Sterben. Doch die Frau kann sich nicht dazu aufraffen, die Mutter zu besuchen. Sie will schon fast loslaufen, zu Fuß gehen, den Besuch am Krankenbett erwandern. Doch in ihrer Depression oder Trägheit oder was auch immer es ist, bleibt sie zu Hause kleben. Bis wieder ein Anruf kommt, der die Situation verändert und ihr plötzlich den notwendigen Schwung verleiht, ins Krankenhaus zu fahren und in die alte Heimat, wo die Mutter schon verstorben auf der Totenbahre liegt. Und dann das Erbe, die Heimat, das Ende.

Leicht lesen lässt sich das alles nicht. Das ist zäh und zum Teil abstoßend, ich wollte nicht hinsehen und nicht dabeisein, wenn diese Frau ihre Mutter zum letzten Mal sieht, wenn sie andauernd plötzlich “dünnes Erbrochenes” vor sich hat, und wenn sie schließlich, man weiß nicht, ob aus Notwehr oder Selbstzerstörungstrieb, die Singvögel im Garten ihres Elternhauses mit dem Luftgewehr erschießt. Und faszinierend ist es doch, wie sich diese Zerrissenheit transportiert, diese “fesche”, fröhliche Oberfläche und die Verlorenheit, die Verletzlichkeit und die Aggression… Das ist so gut gemacht, mit den Perspektivwechseln und den Sprüngen, die wie Filmrisse sind und einen doch eng auf dem Weg dahin führen, worauf alles hinaus laufen soll. (Was das ist, das erzähle ich hier lieber mal nicht, falls jemand sich auch noch mal durchkämpfen will durch all die erschossenen Vögel und Pistazienschnitten.)

Einzig ist alles so eng und zäh und düster, wenn ich es nicht dringend hätte zu Ende lesen wollen, dann wäre ich wohl schon mehrmals aus dem Erzählten herausgefallen. Im letzten Fünftel gewinnt alles noch mal an Fahrt, dann ist da der Wald und da sind blutige Tiere, gefällte Bäume und zu viele Sonnenstühle, und alles ist irgendwie Psycho, und sei es die leckere Sachertorte.

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, fühlte es sich an wie das Erwachen aus einem Fiebertraum. Es bleibt ein Gruselgefühl zurück, ein Schatten, der darauf verweist, dass man gar nicht so fest in seinem Leben, in seiner Identität, in seinem Kopf verankert ist wie man vielleicht im Alltag denkt – und ein leichter Schwindel. Wobei am Ende die ganze Geschichte recht eindeutig aufgelöst wird und zu wenig offen bleibt für meinen Geschmack. Das ist natürlich beruhigend, und ich kann den Schwindel auf diese Weise umso besser bezwingen und von mir weg auf die besonderen Umstände dieser besonderen Frau schieben – mit mir hat das alles also doch gar nichts zu tun.  Und dabei ist sie überall, irgendwo darunter, gleich nebenan und vielleicht auch in mir drin, diese Schwärze, diese Hass-Wut, diese Aggression und die Verlorenheit, direkt unter dem Spitzendeckchen der Zivilisation.


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