Das Debüt: “Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens” von Juliana Kálnay

Bild zum Roman "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens" von Juliana Kálnay. Bloggerpreis "Das Debüt 2017". Ein Mietshaus aus den späten 50er Jahren, von unten gesehen, der Himmel darüber ein weißes Dreieck.

Ein stimmungsvolles Buch mit Hang zum magischen Realismus ist “Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens” von Juliana Kálnay. Was verbindet die Menschen in einem Mietshaus? Ist so ein Haus selbst ein bisschen lebendig? Und was ist mit den Rissen in den Wänden?

Aus der Sicht unterschiedlicher Bewohner wird von einer gewissen Zeit in dem Haus erzählt, von Figuren, die da waren und auf rätselhafte Weise wieder verschwanden, und auch von solchen, die das ganze Geschehen im Haus über Jahrzehnte bezeugen können.

Zu Beginn hatte ich meine Mühe damit, dass mit jedem Kapitel erst mal eine neue Erzählerstimme eingeführt wird, und war etwas orientierungslos. Aber die Fäden sortieren sich, man erkennt die Stimmen wieder und kann einzelne Erzählstränge gut weiter verfolgen: die Rätsel, die Liebesgeschichten und die Metamorphosen. Die Vielstimmigkeit des Erzählens und dass von einigen Figuren eher als Gruppen gesprochen wird (“die Kinder”, “die chronisch Schlaflosen”) spiegelt die seltsam ungreifbare Kollektiv-Atmosphäre in einem Mietshaus gut wider, in dem Geschichten und Geschichte über Begegnungen zwischen Tür und Angel und vom Hörensagen weitergegeben werden.

Das ist liebevoll gemacht, zuweilen etwas eklig, grotesk oder gruselig, und lässt sich gut lesen. Einige der Erzählstränge wie die von dem Kind, das sich immer in Erdhöhlen versteckt, fand ich richtiggehend berührend. Insgesamt blieben die Figuren für mich aber eher fern, wie hinter einem Nebel, und einiges fühlte sich zu ausgedacht, zu konstruiert, zu fantastisch umwölkt an, als dass ich wirklich mit dem Herzen hindurchgedrungen wäre. Vielleicht, weil alles doch etwas niedlich und nostalgisch ist und nichts wirklich weh tut, nicht mal die Brandwunden der Kinder, die immer im Hauseingang stehen und kokeln. Und dadurch komme ich beim Lesen gar nicht dazu, an die Stellen zu denken, wo grade hier, in der stets weiter gentrifizierten und sich verändernden Stadt, ständig das “allmähliche Verschwinden”, zum Teil auch höchst schmerzvoll, stattfindet.

Wahrscheinlich ist es ein Text, der mir noch hin und wieder einfallen wird: wenn ich durch ein altes Treppenhaus in den fünften Stock hinauf gehe, wenn ich Kinder fasziniert am Feuer stehen sehe, beim Anblick von Bäumen, die ihre Wurzeln auf einem ungepflegten Balkon in bröseliges Mauerwerk krallen, oder wenn mein Blick auf einen neuen Riss in der Wand fällt.

Eine Hommage an alte Hausgemeinschaft und Nachbarschaft, ein Denkmal für ein verfallendes Haus – und bestimmt ein Supergeschenk für jemanden, der umzieht, oder mal für die Nachbarn. Mehr dann aber auch nicht.

Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens von Juliana Kálnay
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