Schreiben: die eigene Stimme.

Vor einiger Zeit, es ist bestimmt schon wieder fünf Jahre her, hatte ich eine Lesung, bei der auch eine frührere Deutschlehrerin von mir im Publikum saß. Sie stand mir schon zu Schulzeiten wohlwollend gegenüber und hatte insbesondere meine Schreibbemühungen gefördert und auch nachher verfolgt. Nach der Lesung kam sie zu mir und fragte, ob ich eigentlich meinte, meinen eigenen Stil gefunden zu haben. Die Frage implizierte, so wie sie gestellt war, das „nein“ – und ich war davon etwas verwirrt. Was ich gelesen hatte, war, zugegebn, ein ziemliches Sammelsurium verschiedener Themen und Herangehensweisen – ich war aber der Meinung, ich hätte die jeweils dem Gegenstand angemessene Form gewählt. Das mit dem eigenen Stil – das hab ich zu dem Zeitpunkt irgendwie gar nicht kapiert: was das eigentlich sein soll und wozu das überhaupt gut ist.

Auf anderer Ebene, beim Musik machen, habe ich einige Zeit später etwas wieder entdeckt, was mir verloren gegangen war: Das Singen. Früher gehörte das gewissermaßen natürlich zu mir wie atmen und schlafen: singen in jeder Laune und in vielen Situationen. Und das wurde von einem Freund wieder ausgegraben und wir machten zusammen Musik. Davon, meine eigene Stimme einzusetzen, hörbar zu machen und auch selbst wieder zu hören, wurde ich ganz aufgeregt. Wir hatten ein kleines Konzert in einem Wohnzimmer, ohne Verstärkung – und was war das für ein seltsames Gefühl, meine eigene Stimme so nackt und direkt diesem so nahen Publikum darzubieten! Für manchen mag das klingen wie eine Alptraumsituation – für mich war es ein ganz seltsames Gefühl – es fühlte sich richtig an, frei und irgendwie so, als wäre ich bei mir angekommen.

Häufig bringen Erfahrungen aus dem einen Bereich etwas für den anderen. Beim Singen hatte sich über die Zeit hinweg, in der ich davon Abstand genommen hatte, eine Veränderung ergeben. Früher hatte ich anderen nachgeeifert und wollte so klingen wie sie. Mit der Wiederentdeckung fing es an, dass ich stattdessen bei mir sein wollte: ich wollte so klingen wie ich. Und auf einmal verstand ich, was meine Lehrerin damals mit der Frage zum eigenen Stil gemeint hatte. Nein, ich hatte ihn noch nicht gefunden. Habe ihn auch noch immer nicht ganz und gar gefunden. Aber ich habe das Gefühl, ich bin näher dran, und ich versuche mich weiter daran, auch beim Schreiben weniger so klingen zu wollen wie jemand anders, sondern eben so wie ich. Wieder mal etwas, das so einleuchtend und einfach ist – und doch so schwer zu machen.

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