Nino Haratischwili: Juja

Juja von Nino Haratischwili. Strassenpflaster, darauf ein Schatten, der sich ausbreitet und nach etwas zu greifen scheint.

Die Lektüre von Nino Haratischwilis Debüt „Juja“ war eine durchwachsene Erfahrung. Am Anfang war ich erst mal ziemlich genervt und dachte darüber nach, das Buch abzubrechen, so sehr ging mir die teenagerhafte düstere „Das Leben ist scheiße“-Attitüde auf die Nerven. Ich war aber erst auf Seite 20 und fand selber, dass das für ein abschließendes Urteil einfach noch zu früh war.

Das Buch lag neben dem Sofa, wo ich abends immer regungslos rumliegen musste, meinen langsam wegdämmernden kleinen Sohn auf dem Bauch, und also nahm ich es doch wieder zur Hand – und musste feststellen, dass ich mich immer mehr für die über verschiedene Zeitabschnitte hinweg verstreuten Figuren zu interessieren begann.

Die Frau, die im Alkoholrausch auf dem Sofa sitzt und ihre Tochter erwartet, während im Backofen die Pizza verbrennt. Das Mädchen mit dem Hund, das zu einer Freundin zu Besuch kommt, die immer so rätselhaft stabil bleibt und der sie sich nicht verständlich machen kann. Der Bruder, der sich in der Zeit der 68er-Revolte gar nicht für die Unruhen da draußen interessiert, sondern nur eine destruktive Geschichte nach der anderen in seine Schreibmaschine hackt, während er sich nach seiner Freundin verzehrt.

Und nicht nur, dass die Figuren mir näher rückten. Es war, als hätte auch die Autorin erst mit der Zeit kapiert, worum es ihr überhaupt ging, und als hätte erst ab diesem Zeitpunkt die Geschichte an Fahrt aufgenommen. Brutalität, Lebensüberdruss, Selbstzerstörungstrieb – das beherrscht dann zwar noch immer die Szenerie, aber da schleicht sich schon eine Faszination rein, etwas von der Verführung des Lebens, der Geschmack des Zigarettenrauchs, die Süße des Kuchens, die das Mädchen in dem großen Wintermantel einem Jungen auf der Straße abschwatzt. Ich will nicht zu viel verraten, aber am Ende legte ich das Buch ganz erfrischt und erheitert zur Seite und dachte: nanu? Wie ist denn das passiert?

„Juja“ ist ein eigenwilliges Debüt mit Ecken und Kanten und Extremausformungen. Es wird zwar nicht zu einem meiner Lieblingsbücher werden, aber es hat Spaß gemacht, den Figuren auf ihrem Lebensweg zu folgen und dabei dem Schreibprozess nachzufühlen, der sie überhaupt erst hat entstehen lassen.

 


Juja von Nino Haratischwili
Link zum Buch bei bücher.de

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