Neue-Musik-Karaoke

Jetzt ist es schon wieder ein Weilchen her, aber neulich (um genau zu sein am 6. Oktober 2012) war ich bei einer sehr seltsamen Veranstaltung, nämlich bei einer „Neue-Musik-Karaoke“. Das war ein Teil des „faithful„-Festivals, indem es um musikalische Interpretation ging. Wann spricht man von einer „werkgetreuen“ Interpretation, und wo fängt der „Verrat“ an?

Das Festivalkonzept sah vor, diese Frage von möglichst vielen Seiten zu beleuchten, so dass nicht nur Interpretationsvergleiche von Solisten, Streichquartetten und Ensembles auf dem Programm standen, sondern auch freiere Interpretationen von Werken, ein Konzert vom „Vegetable Orchestra“, das mit Gemüse Musik macht (eine unglaubliche Absurdität!) – und dann eben diese Karaoke-Matinee, weil bei der Karaoke mehr oder weniger qualifizierte „Fremd-Interpreten“ sich irgendwelche bekannten Stücke und Hits aneignen. Was aber sind die „Hits“ der Neuen Musik? Gibt es die überhaupt? Und lassen die sich so rein spaßeshalber als Karaoke-Nummern interpretieren?

Karaoke ist ja selbst schon eine sehr seltsame Angelegenheit. Ausprobiert habe ich nur einmal das Singen mit einer Gruppe von Freunden in einem dieser „Chambre séparé“, insgesamt erinnerte das Ganze an eine Art Puff, nur dass einen auf den schmuddeligen Ledersofas keine Animierdame oder ein Callboy erwartete, sondern ein Fernseher und zwei Mikrofone und die schier unendliche Auswahlliste mit Songs. Und nach anfänglicher Schüchternheit musste ich mich dabei ertappen, dass ich Celine Dion singen wollte und Whitney Houston, Freddy Mercury und Kurt Cobain, und als ich hinterher auf die Straße wankte, war mir das alles ein bisschen peinlich – eben noch der Entgrenzung entgegengebrüllt und dann wieder im Alltag, in dem ich ja gar nicht zugeben möchte, dass ich am liebsten ein Rockstar wäre. Und nicht nur dieser entgrenzte Brüll-Gesang war mir dann peinlich, sondern dass ich mich bei diesem Wunsch ertappt hatte. Bei dieser Gelegenheit fiel mir auf, dass Karaoke ein ekelhaftes, das System stabiliserendes Phänomen ist: die Drogerieverkäuferin funktioniert umso besser, wenn sie sich abends mal wie ein Star fühlen kann – da werden all die Leidenschaften, Sehnsüchte und Ambitionen ausgelebt, die im Alltag keinen Platz finden, aber bitte so, dass alles schön in der Karaoke-Kabine bleibt und man am nächsten Tag wieder ganz entspannt und friedlich an der Kasse sitzen und lächeln kann, „My heart will go on“ im Kopf.

Aber wie ist das, wenn nicht die seit Jugendzeiten eingebrannten Allstar-Melodies zum besten gegeben werden sollen, sondern anspruchsvolle Kompositionen der Neuen Musik?

Ein Freund hatte mich gebeten, da auch wirklich mitzumachen. Damit es nicht so peinlich wird, wenn der Moderator darum bittet, dass einer etwas singen soll. Ich hätte mich, das muss ich zugeben, vorbereiten können, mit Noten und den mp3s, die für diesen Anlass erstellt worden sind. Aber ich dachte: Karaoke, das soll möglichst schlecht sein, am besten hat man als Interpret von dem Stück keine Ahnung. Und sowieso, dachte ich, sind ja die Gesangsstimmen auf der Karaoke-Spur mit drauf (in diesem Fall!) und man kann einfach den Worten auf dem Bildschirm folgen, es kann also nicht so schlimm werden. Als erstes sah ich allerdings am Veranstaltungsort, der King-Karaoke-Bar in Charlottenburg, ein Fernsehteam vom ZDF. Sich vor einer kleinen Runde von Neue-Musik-Spezialisten peinlich zu machen, das ist schon bescheuert genug. Aber muss das dann auch noch ins Fernsehen? Mal abgesehen davon, dass ich ohnehin einen eher introvertierten Tag hatte – die eignen sich ja eh nicht grade für eine solche Selbst-Zurschau-Stellung. Zum Glück gab es ja aber die fleißigen Getreuen, die sich tatsächlich vorbereitet hatten und mit ausgedruckten Notenblättern im Publikum saßen. „Mondestrunken“ von Arnold Schönberg, das zeigte sich bald, das war der große Hit der Neuen Musik, das wollten zumindest einige mal ausprobieren. Eine Sängerin mit absolutem Gehör versuchte sich auch an verschiedenen Stücken – das kam mir aber auch wie unlauterer Wettbewerb vor. Während verschiedene Sänger sich mit den Stücken abmühten und das Publikum höflich den mehr oder weniger scheiternden musikalischen Versuchen lauschten, dachte ich darüber nach, was mich jetzt eigentlich noch veranlassen sollte, mich da vorne auf diese Bühne zu stellen und ein Lied zu singen. Den Anfangs-Bonus hatte längst jemand anders eingeheimst, das lustige Revolutionsstück von Cardew, das eher an Ton-Steine-Scherben erinnerte als an Experimentelles aus dem 21. Jahrhundert, hatte jemand schon zum Besten gegeben, der Reiz des Neuen war auch bereits verpufft. Das Fernsehteam hielt auch nicht mehr die Kamera auf die Bühne gerichtet, und trotzdem stand ich dann noch auf, um das mit der Neue-Musik-Karaoke auszuprobieren. Warum? Tatsächlich aus Neugier darauf, ob das funktionieren würde. Aber eine Enttäuschung war schon mal: es gab keinen Bildschirm, der einem die Worte zum richtigen Zeitpunkt einblendete, sondern man musste wirklich und ernsthaft vom Blatt lesen. Und die Gesangsmelodie wurde zwar manchmal eingespielt, aber grade an den fiesen, den hohen Stellen nicht. Und so hauchte ich vor mich hin, so leise ich konnte, in das von gelbem Schaumstoff verhüllte Mikrofon, und tat dabei so, als wäre ich ganz allein in einem abstrakten Raum, der voller Notenlinien und Plastik-MIDI-Noten war, aber in dem mich außer mir niemand hörte. Mit Entgrenzung hatte das ziemlich wenig zu tun, und mit Neuer Musik, wie ich zugeben muss, auch nicht viel, zumindest nicht mit dem Stück, das ich da vermeintlich gerade interpretierte. Die anderen Festival-Besucher sprachen höflicherweise nicht davon, dass ich versucht hatte, „The sleeper“ von George Crumb zu singen und dass ich dabei gnadenlos gescheitert war. Das Scheitern, das gehörte ja auch zum Konzept, irgendwie. Und ich, ich dachte darüber nach, dass der einzige Ort, an dem das Konzept von der Neue-Musik-Karaoke funktionieren könnte, die Hotelbar des Maritim-Hotels bei den Darmstädter Ferienkursen wäre, mit all den betrunkenen Instrumentalisten, die auch im Schlaf noch solche Noten lesen könnten. Und ich war froh, dass ich mich den Rest dieses regnerischen Oktobertags genügsam der Introvertiertheit hingeben konnte.

faithful-Festival

Link zu einem Bericht zu der Veranstaltung auf Noethers-Kritiken.de

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