Luftnummer? „The Wyld“ im Friedrichstadtpalast

Gestern war ich zum ersten Mal in meinem Leben im Friedrichstadtpalast. Da läuft grad die Show „The Wyld“.

Ja, eine Show. Also, ich hab ja Theaterwissenschaft studiert und so, ne – aber da guckt man sich ja immer nur so überintellektuelles Performance-Zeug an. Und ansonsten schreibe ich Artikel über Neue Musik – auch nicht grade für leichte Muse bekannt.

Umso interessanter also, wenn sich die Gelegenheit bietet, mal „nun zu etwas völlig anderem“ zu spielen und zu gucken, wie sich DAS dann anfühlt. Werde ich gelangweilt sein? Oder hingerissen? Entsetzt? Oder entzückt?

Das mit dem analytischen Blick, das konnte ich natürlich nicht abstellen. Die Einleitung: Theater im Theater. Das Vorführen der einzelen Tänzer auf der Probe. „In einer Stunde beginnt die Show!“ Das erste Mal Flugwerk-Einsatz. Der Tanz einer janusköpfigen Figur – das war schon mal sehr beeindruckend. Auf dem Hinterkopf eine Maske, auf dem Kostüm auf dem Rücken eine Brust gemalt- ich bin erfolgreich irritiert, das gefällt mir. Federbusch, schwarz-rot, archaischer Tanz.

Im Himmel schweben seltsame Figuren mit Taschenlampenköpfen, die ich aber nur durch einen Gaze-Schleier sehen kann. Doch der wird mit einem Schlag davongezogen, über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Toll. Die Bühnentechnik! Ich denke an Probebühnen-Experimente mit Rollen und Stahlseilen, mit Schnüren, manuellen Beamerklappen und Fernhandbetrieb, und erfreue mich daran, dass sich hier Leute ein tolles, funktionierendes System ausgedacht haben. Vor den Bühnentechnikern ziehe ich jetzt schon meinen Hut.

Ah! Menschen fahren mit Fahrrädern über die Bühne. Manche tragen leuchtende Helme. Alle Frauen in knappen Sportler-Dresses – im Hintergrund eine überdimensionale Projektion, was ist das eigentlich, Stadtlandschaft? Vorne macht der Radfahrer Kunststücke, ich staune. Und bin überfordert von tausend Tanzenden, einer Projektion mit 3D-Effekt – es sind grad mal 15 Minuten vorbei und mir ist jetzt schon alles zu viel!

Da wird es dunkler. Ein Geiger kommt aus der Versenkung gefahren. Und eine Geigerin. Ok. Eine Kitschnummer! Mehr Konzentration auf den Kunststück-Radfahrer. Und ich gebe zu, ich starre und staune.

Es folgt die Nummer mit den Hunden, die brav tanzen, hüpfen, auf den ihnen angewiesenen Tonnen sitzen, Männchen machen… Sehr brav, die Hunde. Nur der Kleinste kläfft immer ganz aufgeregt. „Into the Wyld“? Ja eigentlich nicht. Im Grunde zeigen hier alle, wie großartig sie dressiert sind und wie sie ganz nach Plan und wie am Schnürchen funktionieren. Eher das Gekochte als das Rohe, und das mit den Trieben kommt hier ja nur gespielt vor, und dadurch das die Körper auf der Bühne so schön und so begehrenswert sind. Nur eben auch irgendwie: alle gleich.

Dann die starken Männer. Vier durchtrainierte Jungs, die sich gegenseitig auf die Schultern nehmen. Einer ist in der Hocke, hat zwei im Handstand auf den Oberschenkeln (oh weh, und das in der Hocke!) und schließlich noch einen im Einhandstand auf dem Kopf. Da sieht man ein bisschen, dass er vor Anstrengung zittert, an den Halsmuskeln, und da wird die Haut ein bisschen rot. Ein anderer pumpt hinterher ganz schön, man sieht, wie er atmet. Dem, der alle auf einmal gestemmt hat, sieht man nichts von der Anstrengung an. Krasse Jungs. Und ich hab meinerseits schon vom Zuschauen Nackenweh.

Dann bauen sich viele Frauen auf einer Treppe, die aus dem Bühnenboden gefahren ist, zu einer langen Reihe auf: aha. Das typische Beineschwingen. Sie tragen runde schwarze Hüte, die machen, dass sie in einem bestimmten Winkel wie Außerirdische aussehen. Netzstrümpfe, alles in rotschwarz, dazu wird ein Loblied gesungen auf die „Feminité“. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll, als die Namen aufgezählt werden – Georgia, Alicia, Sarah, Lena – und jede einzeln hervortritt. Ist das jetzt ein Loblied auf jede einzelne, schöne, besondere Frau? Sind das nicht immer noch dressierte, uniformierte Hupfdohlen, deren Individualitäten gefälligst in der Gleichförmigkeit der Reihe unterzugehen haben?

Mein Begleiter verwundert mich in der Pause mit der Aussage, diese beinschwingenden Frauen seien ja so wenig sexualisiert gewesen. Er setzte mir auseinander, dass die Oberteile der Damen normalerweise noch mehr Dekolleté frei ließen und dass sie sonst ja auch noch diesen Federschmuck trügen und keine schwarzen runden Hüte. Geschweige denn, dass ihre Namen erwähnt würden und man auf ihre Person hinweise. Ich erkenne: man muss schon den Hintergrund kennen, um die revolutionären Veränderungen in der Nummernfolge zu erkennen. Show-Analyse: eine Wissenschaft für sich!

„Es fehlt ja noch eine ordentliche Luftnummer“, sagt mein Begleiter, bevor es weiter geht.

Und tatsächlich schwebten und turnten da nach der Pause allerhand goldene Figuren in runden Trapezen, aber das erschien jetzt gar nicht mehr so spektakulär. Ach ja, und überhaupt, die tanzende Nofretete und ihre Golden Girls mit den Spezialextensions an den Fingern, ein Super Effekt, auch nocht vergrößert mit Video. Und ich vergaß ganz zu erwähnen, dass es ja um Berlin ging und um den Großstadtdschungel, und dass wir alle Berliner sind, wo auch immer wir hergekommen sind. Was auch die stepptanzenden Punks aus dem ersten Teil erklärt. Und das Untergrund-Berghain, als die Unterbühne sich öffnet und in Wassertanks Frauen in silbernen Kostümen tanzen. Und dann noch die Außerirdischen auf den schwebenden Hooverboards, und die leuchtenden Sterne an den weißen Kostümen, und die Glitzergehänge von der Decke. Denn: so ist Berlin. Und ich erweise mich an der einen oder anderen Stelle als füchterliches Sparbrötchen, als ich die Hände über dem Kopf zusammenschlage, weil ich mich frage, was das wohl alles kostet, alleine das Zeug, was für den Glitzereffekt aus dem Schnürboden runtergeschmissen wird, und wieviele Offtheater-Produktionen das wohl wären, die man in der wahren Wildheit der Berliner Szene damit realisieren könnte. Allein mit dem Preis von dem Glitzerzeug, das da aus dem Schnürboden runterfällt. Und als Nofretete sagt „I ll stay in Berlin for ever“ (oder so ähnlich), da denke ich ganz kurz an Beutekunst und Raub, an Rückzahlungen und Rückgaben und den Pergamonaltar, aber da tanzen ja schon wieder so schön, so dass ich das schnell wieder vergesse.

Und dann also noch die Luftnummer. Auf der Projektion: die Lichter der Großstadt, von oben gesehen. Wir befinden uns nämlich auf dem Fernsehturm, da haben sich das Mädchen mit dem komischen Collagenpapierkostüm und der Fahrradfahrer endlich gefunden. Und jetzt turnen sie in schwindelnder Höhe an der weißroten Fernsehturmspitze herum. Schwingen durch den Bühnenhimmel. Er hält sie an den Armen. Nur an einem Arm. Schwingt sie herum. Ein Glück kann ich sehen, dass sie mit einem Drahtseil festgemacht ist, ich könnte sonst kaum atmen. Sie nimmt Schwung, er – oh nein! – lässt ihre Hände los – und – ah! – hält sie an den Füßen. Wirbelt sie durch die Luft, Hände, Füße, einmal nur der eine Fuß – ah! Ich will nicht sehen, wie sie runterfällt. Oder er. Oder beide. Da stehen sie wieder unten, ein Glück – aber nein, es geht wieder hoch, er lässt sie fallen, sie fällt, diesmal wirklich – gehalten von einem Seil, so schwingt sie über die Bühne – das war es nun wirklich mit der Luftnummer, sie bleibt am Boden, er fährt hinauf in den Schnürboden, und ich merke jetzt erst, wie erleichtert ich bin. War das jetzt eigentlich total toll? Oder ganz schrecklich? Beeindruckend war es auf alle Fälle. Und kathartisch. Ich bin noch immer voller Jammer und Schauder.

 

Mit zweieinhalb Stunden ist die Show allerdings ganz schön lang für mich. Und spätestens ab der großartigen Luftnummer bin ich übersättigt. All den Glitzer und Flitter, die Effekte und Showeinlagen gehen zunehmend an mir vorbei: genug der goldglänzenden Kostüme, genug der Kunststückchen, genug, genug von allem.

Es gibt noch viel, worüber ich mich wundere: die, die tanzen, singen gar nicht. Die, die singen, tanzen gar nicht. Ich dachte immer, bei Shows dieser Art müssten alle alles können!

Alle Menschen auf der Bühne sind jung und gutaussehend und schlank. Nur der eine Mann nicht, der hat weiße Haare und macht Faxen. Alte Menschen auf der Show-Bühne sind also immer Komiker.

Eine Frau ist auch nicht so beine-schwing-bauchfrei-dünn, und das ist eine Sängerin. Sie hat eine voluminöse Stimme und eine etwas breitere Taille und trägt dementsprechend auch ein rundlicheres Kostüm. Komischerweise wirkt dieser normalgewichtige Körper unter all diesen durchtrainierten, überdünnen, superschlanken Tänzern fremd. So schnell gewöhnt man sich an eine Körpernorm.

In der Pause und nach der Vorstellung betrachte ich all die normalgewichtigen bis rundlichen Zuschauerkörper in ihren Winterklamotten. In mir selbst spüre ich dem Bewegungsdrang nach – ich möchte auch an einem Trapez schwingen und mich dehnen, tanzen und graziös die Arme biegen. Keine neue Erkenntnis: Das Schreibtischleben ist nicht gut für uns alle. Und plötzlich ist da eine Vision: Wir sollten alle mehr tanzen, egal ob dick oder dünn. Mehr turnen und toben, über die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum hinweg, wir sollen alle mehr raus und „into the Wyld“. Ob da dann noch eine Show dabei herauskäme, die man verzückt ansieht und von der man sich hinwegtragen lässt – keine Ahnung. Das würde ich aber sehr gerne sehen – die gar nicht normierte, dick-dünne Beinschwinge-Reihe. Das gibts dann aber wohl eher irgendwann mal irgendwo im Offtheater.

 

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.