Lesen, Mode, Scholochow

Gerade mitten in „Der stille Don“ von Michail Scholochow, da geht es um Donkosaken um 1914 – zunächst um ihr arbeitsames Leben, das Säen, Fischen, Ernten, und um Liebesverwicklungen, dann um den Ausbruch des ersten Weltkriegs, wie die Kosakenmänner an der Front verheizt werden – Drahtverhaue, Schützengräben, Gas-Angriffe. Ich las von Kohlsuppe, Pferdepflege, Fronttagebüchern, Soldatenräten und Bolschewiki. Noch ganz in dieser Richtung gefärbt, gedanklich, trödelte ich auf einer Einkaufsstraße herum, da durchfuhr mich ein Schreck: Was ist das! In einem Bekleidungsgeschäft hatte man die neueste Mode eingestellt: Kurzmäntel mit goldenen Knöpfen, Uniform-Style. Das Pferdegetrappel vom Lesen noch im Ohr, das Pfeifen der Kugeln und das „Hak! Hak! Hak!“ der Maschinengewehre, war mir die Uniform ein grelles Zeichen, ein grauenhaftes, das nach Tod riecht. Doch heute ist sie nichts weiter als Mode, ein schickes Accessoire. Wie geschichtsvergessen wir mit den Zeichen umgehen. Doch wie grell leuchten sie aus einem anderen Kontext hervor, sind wir selbst von entsprechender Lektüre gefärbt.

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