Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt

Bild zum Roman "Die Königin schweigt" von Laura Freudenthaler. Drei Büten einer pinkfarbene Wildrose, das Licht darauf so hell, dass die Blütenblätter an einigen Stellen weiß zu sein scheinen.

Auf das Buch “Die Königin schweigt” von Laura Freudenthaler stieß ich über eine Rezension in der ZEIT, die mich gleich neugierig gemacht hat auf diesen Familienroman. Eine alte Frau steht hier im Mittelpunkt, Fanny, und ihr Leben, das sie zu der steifen und schweigsamen Person gemacht hat, die sie nun ist. Die Enkelin macht sich auf die Suche nach den Familiengeschichten und will, dass Fanny erzählt und dass sie ihre Erinnerungen aufschreibt, weil die Großmutter die einzige ist, die noch davon erzählen kann. Doch das Heft mit den weißen Seiten bleibt leer.

Die Großmutter ist auf einem Hof in Österreich groß geworden, in einer Bauernfamilie, in der Haltung und Fleiß alles gelten und in der über viel zu viel nicht gesprochen wird.

Es ist zu spüren, wie sich die Gefühle in dieser Familie anstauen und sich verhärten, und wie der Anspruch, immer Haltung zu zeigen, auf eine tief verwurzelte Haltlosigkeit trifft, die sich schon von Anfang an in Fanny ausgebreitet hat. Es gibt diese Momente, in denen Fanny das Gefühl hat, gleich zusammen zu brechen – und doch fällt sie nie. Dieses Motiv des Kontrasts zwischen der äußeren Haltung und dem inneren Abgrund findet sich an vielen Stellen wieder. Es gibt die Dinge, über die man spricht, und die Dinge, über die man schweigt – und das sind oft die großen Dinge, die den Fortgang des Lebens betreffen.

Später wird Fanny verheiratet sein, die Frau des Schulmeisters sein, der im Krieg war und seinen Schülern gegenüber haltlose cholerische Anfälle hat. Wie es war im Krieg, davon spricht er nicht, davon erfährt sie nichts. Auch davon, ob der Mann trinkt und vielleicht Schulden macht, davon wird mit Fanny nicht gesprochen, das kann sie immer nur erahnen.

Halt findet Fanny in der Arbeit, auf dem Hof ihrer Eltern und wenn sie als Schulmeisterin für die zahlreichen Kinder des Dorfes kocht, oder später, wenn sie als Haushälterin die Pflege des Hauses eines Oberförsters übernimmt.

Haltlosigkeit und Haltung, Hoffnungen und Verluste, die Sehnsucht und die Unnahbarkeit der “schönen Fanny”, wie sie bis ins hohe Alter genannt wird, sind die Motive, die diese Lebensgeschichte durchziehen. Erst der Enkelin erzählt sie Großmutter ein paar der Geschichten aus dem Dorf, das sie irgendwann verlassen hat, wie Märchen aus längst vergangenen Zeiten. Doch wie eine Wand ist da immer wieder das Schweigen, das verhindert, dass die Menschen miteinander in Kontakt kommen; das Schweigen, das diese Familie teilt.

Die ruhige, einfühlsame und karge Sprache, mit der Laura Freudenthaler hier erzählt, hat mich ans Svenja Leibers Roman “Das letzte Land” erinnert, das ich ebenfalls sehr mochte. Die großen Gefühle werden hier zwar vordergründig ausgespart,  werden aber, eingekreist durch Andeutungen und Hinweise, irgendwo dahinter umso deutlicher, umso schmerzlicher spürbar.

“Die Königin schweigt”, dieser Roman hat mich schwer beeindruckt und tief berührt.

Die Königin schweigt von Laura Freudenthaler
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