Einfach machen.

Gestern habe ich Nicholas O‘ Brien getroffen, einen halb französischen, halb italienischen Sound Engineer aus Oxford, der gerade eine Fahrradtour durch Europa macht und sich dabei von Künstler zu Künstler weiterreichen lässt und deren Musik aufnimmt. Seine Erlebnisse beschreibt er in seinem Blog, auf dem man auch die Ergebnisse seiner Aufnahmearbeit hören kann.

Nicholas ist ein sehr freundlicher junger Mann – wir sind durch Neukölln gestreift und dann auf einem Straßenfest hängen geblieben, wo wir Nudelsalat und Kuchen gegessen haben, während eine Musikerkombo mit drei Saxophonen um uns herum schlenderte, so dass einem das Baritonsaxophonmit den tiefen Tönen direkt den Brustkorb schwingen ließ. Er erzählte, dass er, um diesen Trip zu finanzieren, zum einen sehr viel gearbeitet und Geld zurück gelegt hat, ein Teil des Geldes kommt auch von seinem Vater. Außerdem hat er es aber geschafft, sich von verschiedenen Firmen unterstützen zu lassen – und natürlich unterstützen ihn auch alle, bei denen er auf seinem Weg übernachten kann, wobei er denen ja mit seinen Aufnahmen auch etwas Dauerhaftes zurücklässt.

Während wir uns dann am Kanal entlang auf den Weg zur U8 machten, erzählte er, dass er sehr viele Instrumente gelernt hat, aber meistens nur so lang, bis er einigermaßen auf ihnen spielen konnte – zur Perfektion hat sein Ehrgeiz nie gereicht. Auf seiner Reise hat er eine Querflöte dabei, die er zwar vorher nicht spielen konnte, aber das schien ihm ein perfektes Reiseinstrument, und man könne auch sehr schnell Fortschritte bemerken, wenn man alleine reist und zur eigenen Unterhaltung immer mal wieder ein bisschen spielt. Mit seinen in diesen wenigen Wochen angeeigneten Fähigkeiten auf der Querflöte habe er an einer experimentellen Jazz-Session teilgenommen und dabei leider immer die Kraft unterschätzt, mit der er die Flöte anblasen muss, weshalb es das eine oder andere Quietschen gegeben habe. Er war aber von diesen musikalischen Unfällen eher amüsiert und meinte, das habe auch zum experimentellen Charakter der Session gepasst.

Mich hat das alles sehr beeindruckt: einen Traum haben und ihn „einfach“ realisieren. Sich nicht von vermeintlich unüberwindbaren Schwierigkeiten einschüchtern lassen, sondern Lösungen suchen, Unterstützer suchen. Diese Unterstützung auch „einfach“ annehmen und auf andere Art und Weise zurückgeben. Nicht diesen scheußlichen Perfektionsdrang haben, der einen an so vielen Schritten hindert. Eben: einfach machen.

Mit meiner Cousine habe ich über die inneren Kritiker gesprochen, die einem manchmal beim Schreiben auf der Schulter sitzen und an den entstehenden Texten herummäkeln – oft Lehrer, Eltern oder andere Respektpersonen, die einem madig machen, was man gerade ausgedacht hat.

Ich denke, man sollte das Konzept verändern und andere Leute beim Schreiben oder bei allen möglichen Projekten auf die Schulter setzen. Ein innerer Nicholas O‘ Brien – das hilft bestimmt.

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