Die Fahne!

Jahrelang habe ich versucht, mich damit zu motivieren, wenn ich dieses und jenes tue, könnte ich damit Geld verdienen. Und was geschah? Nichts. Ich verfiel in Tatenlosigkeit, die Gelegenheiten zogen ungenutzt an mir vorüber, und auch heute sitze ich hier auf meinem Sessel und bin erstaunlicherweise immer noch nicht reich.

Viel zu lange hat es gedauert, bis ich darauf kam, aber schließlich erkannte ich doch: Ich war die Sache die ganze Zeit falsch angegangen. Geld – das motiviert mich gar nicht!

Schon vor ein paar Monaten hätte mir das deutlich werden können, als ich (damit kann man nämlich, wenn auch viel zu wenig, Geld verdienen!) an einem psychologischen Experiment teilnahm. In der Röhre des CT musste ich Wörter dahingehend ordnen, ob es sich dabei um Obst oder Metall handelte (Mango – Obst. Mangan- Metall.) Die Ansage war, wenn vor der Frage ein andersfarbiger Hintergrund zu sehen sein würde, sollte ich mich besonders anstrengen, weil später mit irgendeinem Zufallsprinzip meine Reaktionszeit bei einer bestimmten Frage dafür ausschlaggebend wäre, ob mein Lohn am Ende verdoppelt würde oder nicht. Ich allerdings wurde von dieser profanen Lockung mit mehr Geld trotzig, und stolz behandelte ich alle Fragen gleich, egal, welche Farbe hinter den Buchstaben aufleuchtete. Und obwohl es sich um die langweiligste halbe Stunde meines Lebens handelte, gelang es mir, wirklich alle Fragen richtig zu beantworten, so dass die Versuchsleiter hinterher schon dachten, sie hätten etwas falsch eingestellt.

Ha! Mich kann man nicht mit Geld zu Höchstleistungen antreiben, sondern ich mache das FREIWILLIG und FÜR DIE SACHE, und sei diese auch noch so sinnlos.

Bei der Auslosung am Ende halfen mir weder mein Stolz noch meine Akribie- meine Reaktionszeit war an der entscheidenden Stelle etwas zu lang gewesen, und ich ging mit dem einfachen Lohn nach Hause, dafür aber mit dem Wissen, ganz grandios darin zu sein, Obst und Metall unterscheiden zu können.

Mit einem Freund sprach ich kürzlich über die Strukturierung unseres Alltags. Auch er ist selbständig, wir hatten uns bei einem Konzert getroffen, dass ich fast hätte versäumen müssen, weil vorher noch eine Abgabe lag. „Man muss eben wissen, wo die Fahne ist“, sagte mein Freund, und sofort sah ich die Fahne vor mir, da war sie wieder, die gute Sache! Leuchtend, wehend, mein Antrieb; für die Fahne, da brenne ich, bringe alle Energie auf, für die Fahne tue ich alles. „Mir nach“, rufe ich in Gedanken, und die Menge hinter mir, die idealistisch entzündeten Menschen mit erhitzen Gesichtern und leuchtenden Augen folgen mir, wir alle folgen der Fahne, der Fahne!

„Man könnte auch eine Stecknadel nehmen“, sagte mein Freund.

„Was?“ fragte ich etwas verwirrt, und in mir drin fallen all die Menschen übereinander, weil die Fahne fehlt, der wir nacheilen, und an ihre Stelle eine Stecknadel getreten ist, eine winzige, die kein Mensch sieht, nicht mal ich selbst, obwohl der Stecknadelträger vorneweg sie ganz weit in die Höhe streckt.

„Eine Stecknadel? Niemals!“

„Wieso? Macht doch keinen Unterschied, ob man eine Fahne oder eine Nadel als Zielpunkt im Kalender hat“, sagt mein Freund, und da bin ich wieder, in der Realität voller Termine und Geldsorgen und Monatsanfänge und Monatsenden. Zum Glück habe ich diese seltsame Fahne in mir drin, die imstande ist, mich über all diese Dinge hinwegzutragen, für die gute Sache, das ferne Ziel am Horizont, irgendwo, weit draußen, bis in mein Utopia.

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