Das Debüt: Weissblende

Fast weißes Bild, wie geblendet

„Weissblende“ von Sonja Harter, das ist ein Buch, dem ich irgendwie mit zwiespältigen Gefühlen begegne.

Matilda lebt allein mit ihrem Vater in einem Tal, langweilt sich dort, ist unterfordert. Ausgerechnet zu den Sommerferien hin beschließt ihr Vater, einen Untermieter anzunehmen: den Franzosen Bonmot. Matilda, die sich gerne als Lolita inszeniert, beginnt ein Spiel mit dem Feuer, das ihr außer Kontrolle gerät. In „Weissblende“ ist alles andauernd erotisch aufgeladen, aber immer nur auf eine ziemlich abgefuckte Weise. Richtige, „echte“ zwischenmenschliche Begegnungen gibt es nicht bzw. Matilda weicht ihnen aus, traut sich nicht, bleibt beziehungslos.

Und was ist das für eine Geschichte mit der verschollenen Mutter und dem „Skandal“, dass ihr Vater sie in Bezug auf deren Selbstmord im Unklaren ließ? Das wird so erzählt wie der große Kriminalfall, den man am Ende löst – und  erscheint doch eher banal, so traurig das für das Mädchen auch ist. Dass daraus die große Lebensenttäuschung wird, die die eigene Selbstzerstörung rechtfertigen soll, wirkt irgendwie weinerlich und unerwachsen (ok, Kunststück, es geht ja auch um einen Teenager, aber trotzdem.).

Ja, und zwiespältige Gefühle, also, weil: was soll mir hier eigentlich erzählt werden? Ist die talentierte, gelangweilte Matilda eigentlich das Opfer der Männer, die sie begehren? Oder sind die Begegnungen mit fremden Männern aus dem Internet Machtspiele, die sie sehenden Auges spielt, sucht, selbst gestaltet?

Für mich besteht da eine große Unklarheit. Na klar, die Erwachsenen sind diejenigen, die aufpassen sollen und die sich in Bezug auf Schutzbefohlene gefälligst unter Kontrolle zu halten haben. Zugleich sind ja aber auch junge Erwachsene und Heranwachsende von Begehren erfüllt und wollen ihre Sexualität entdecken und Grenzen austesten – zum Teil auch mit Leuten, die älter sind als sie selbst. Das ist schwieriges Terrain, eine verminte Grenze. Einerseits fühlt man sich als Opfer, wenn man als zu junges Mädchen von älteren Männern begehrt wird. Und legt es doch drauf an, weil es ein gewisses Machtgefühl mit sich bringt und eine große Anerkennung und Selbstbestätigung. Und außerdem wäre man beleidigt, wenn man wie ein kleines Mädchen behandelt werden und aufgrund des Alters verschmäht werden würde, und würde sich nicht ernst genommen fühlen. Je nachdem, wie das (männliche) Gegenüber sich verhält, kann man sich als armes, unschuldiges Opfer, als männerverschlingendes Vamp oder als unverstandene Erwachsene im Mädchenkörper fühlen.

Auch Matilda (oder ist es gar die Autorin?) scheint mir da sehr unentschieden zu sein, ob man sich als begehrtes Mädchen jetzt eigentlich eklig oder total super fühlen muss. Vielleicht ist das genau der Zwischenzustand, um den es geht – zwischen eklig, missbraucht, begehrenswert und mächtig – aber mir kommt es problematisch vor, dass nicht nur Matilda darin changiert, sondern auch der Roman unentschieden bleibt. Die ganze Krankenhaus-Psychiatrie-Geschichte wendet das Blatt eher in Richtung „armes Opfer“, aber das erscheint mir dann doch etwas „einfach“ vor dem Hintergrund der geschilderten Ereignisse.

Ich finde, „Weissblende“ bietet einen guten Einblick in die Gefühlswirrnis, die sich um diese Lolita-Thematik herum auftürmt, aber es hätte mir besser gefallen, wäre das im Roman schon ein bisschen mehr sortiert.


Weissblende von Sonja Harter
Link zum Buch auf buecher.de

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