Das Debüt: „Oder Florida“ von Christian Bangel

Bild zum Roman "Oder Florida" von Christian Bangel. Bloggerpreis "Das Debüt". Hochhäuser im November.

Der erste Roman, den ich für den Bloggerpreis „Das Debüt 2017“ gelesen habe, ist das knallgelbe Buch „Oder Florida“ von Christian Bangel.

Der erste Teil entführt einen mitten hinein nach Frankfurt (Oder), Ende der 90er, als Helmut Kohl noch Kanzler war und man noch mit Hilfe von piepsenden Modems ins Internet kam. Die Hauptfigur, meist mit dem Nachnamen „Freier“ angesprochen, erzählt vom etwas chaotischen Leben, vom Schreiben für ein Magazin, von seiner Liebe zu Nadja, vom Rumhängen an der Oder, vom Newsletter-Business und von den Nazis.

Der Kumpel von Freier und ehemaliger Hausbesetzer Fliege, der auch die Leitung des Magazins innehat, entwirft den Plan, die SPD zu übernehmen, mit dem Slogan „Besseres Wetter für Frankfurt“ eine Massenbewegung ins Leben zu rufen und so einen eigenen Bürgermeisterkandidaten ins Rathaus der Stadt zu bringen. Und Freier, gerade erst 20 Jahre alt, soll dabei Pressesprecher werden. Freier allerdings ist eher damit beschäftigt, sein Leben zu jonglieren, seiner Freundin Nadja, die mit ihrer Mutter zusammen gezwungenermaßen in den Westen gegangen ist, nachzutrauern, auf irgendwelchen Partys Tresendienste zu schieben und seinen Kater auszuschlafen. Oder auch: vor den Nazis wegzulaufen und als er das einmal nicht schafft, die entsprechende Prügel auszukurieren. Mit dem wirtschaftsliberalen Geschäftsmann Franziskus, den Fliege als Bürgermeisterkandidat aufbauen will, kann Freier eigentlich nicht viel anfangen. Und lässt sich trotzdem auf das Spiel ein.

Die Ziellosigkeit des jungen Erwachsenen, der nach seinem Zivildienst noch nach einer Richtung im Leben sucht, trifft auf die allgemeine Orientierungslosigkeit der Nachwendezeit, die Umbrüche in den Lebensläufen, und auf den Ruf nach dem Ende der Ära Kohl. Und das alles ist ziemlich gut getroffen und wird atmosphärisch dicht erzählt.

Da gibt es großartige Schauplätze, die ich sofort vor mir gesehen habe:

Die Agentur, in der Freier an dem Magazin arbeitet und wo Fliege immer reichhaltig den Kühlschrank füllt. Mit welchem Geld Fliege das alles bezahlt, danach fragt Freier nicht. Er meckert nur darüber, dass er in den schlechten Phasen, wenn Fliege das Einkaufen einstellt, in erster Linie von Pombären leben muss. (Solche (n)ostalgischen Momente gibt es oft: Ach! Pombären! Ach! Modems! Ach! Letscho! Sogar: Ach! Kohl-und-Schröder-Wahlplakate!)

Die Oderinsel Ziegenwerder, wo Freier mit seiner Nadja in der Dämmerung sitzt und Rotwein trinkt, während der Fluss mit den tückischen Strudeln an ihnen vorbeizieht.

Freiers Wohnung, in der er hinter den Fußballbüchern seines Vaters die vielen Gläser Letscho versteckt, die seine Mutter ihm immer mitbringt, und wo er sich oft von seinem Nachbarn vom gleichen Flur trösten lässt. Das Dach des Hochhauses mit dem weiten Blick über die Stadt.

Als Freier all das einfach im Stich lässt, weil Franziskus ihm ein windiges Angebot gemacht hat – irgendwie war ich da ein bisschen enttäuscht.

Nun also Hamburg, ein Zoogeschäft, wo Freier wirtschaftliches Handeln lernen soll, um in Florida für Franziskus ein Geschäft aufzubauen. Der Dönerladen vor der Tür, Wo Freier sich ausheulen kann, sein Aquaristen-Kollege, die WG mit dem spießigen West-Autonomen Floh, der sich darüber aufregt, wenn Freier seine Teller nicht wegräumt. Und wo er sich andauernd mit dem herablassenden Verhalten der Wessis konfrontiert sieht.

Was mir gefallen hat: Dass ich mich gleich in dieser End-Neunziger-Jahre-Welt wiederfand und die Schauplätze sofort vor Augen hatte. Auch das Hinein-geworfen-Sein von Freier hat mir eigentlich gefallen, und wie er alles, was ihm passiert, so hin nimmt und versucht, das Beste draus zu machen.

Weil man alles durch Freiers Augen sieht und er nicht viel von dem, was ihm widerfährt, wirklich hinterfragt, bleiben die Motive der anderen Figuren aber immer ziemlich unklar. Warum macht Fliege das alles? Welche Finanzgeschäfte macht er eigentlich im Hintergrund? Was will Franziskus? Und was ist mit Nadja, warum spielt die so komisch verstecken?

Was mich gestört hat: Alle handelnden Figuren sind Männer. Frauen sind höchstens Randerscheinungen – und auch die vermeintlich so wichtige Nadja bleibt ziemlich blass – da sind nur Ansichten von ihr im Gegenlicht, im Aufblitzen des Stroboskops, oder als sie eigentlich schon fast die Wohnung verlassen hat. Einerseits ist das durchaus poetisch, diese Ungreifbarkeit, dieses Rätsel. Aber gleichzeitig bleibt sie so nur eine Phantasie – ich kriege kein konkretes Bild, wer diese Nadja überhaupt ist. Wie die Postkarten, die sie immer schreibt: eine vielsagende Ansicht vorne drauf, aber auf der Rückseite doch nur ein Fragezeichen. So dass es nicht verwunderlich ist, dass Freier sagt: „Nadja, meine große Liebe! Aber andererseits: Florida!“ Und so hat Nadja von ihm nicht viel zu erwarten – die Größe des Gefühl bleibt doch sehr behauptet.

Ja, und dann noch schade: dass das Ganze so offen endet. Also, ich mag offene Enden, an sich. Wenn es die Möglichkeiten angedeutet sind, wie es ausgehen könnte, und man weiß nicht, wird jetzt das Glück oder das Unglück eintreten – diese Art der schmerzlichen Offenheit, bei der man die eine oder andere Entscheidung schon erahnt.

In diesem Fall ist das mehr so, als hätte das Buch jetzt mal zu Ende sein sollen. Freier mit seinem Vater auf dem Gurkenfeld. Blieb für mich leider unklar, was das eigentlich bedeuten soll. Und wieso man jetzt auf Nadja einfach verzichten kann und warum der ganze Kampf um Frankfurt/ Oder und das mit den Nazis einem dann auch wurscht ist. Aber vielleicht hab ich auch einfach die Metapher nicht ganz verstanden.

Rückblickend war es vielleicht etwas viel, was da alles drin verhandelt werden sollte. Die Ost-Provinz-Stadt, die Nazis, die Politik. Die Vorurteile der Wessis und wie sich das für einen Ossi in Hamburg so angefühlt hat. Die Adoleszenz und Richtungslosigkeit. Die Liebesgeschichte. Und dann noch die Sache mit der auseinander gerissenen Familie, die vielleicht am Ende wieder zusammen kommt.

Das macht auch so schon alles Spaß zu lesen. Aber vielleicht wäre es gut gewesen, noch mal genau zu bestimmen, was jetzt eigentlich die Hauptstory und was die Nebenstory sein soll, damit ich am Ende nicht so richtungslos auf dem Gurkenfeld stehen gelassen werde.

 

Oder Florida von Christian Bangel
Link zum Buch bei buecher.de

3 Kommentare

  1. Hallo Frintze,

    den Part mit Hamburg konnte ich anfänglich auch nix abgewinnen, kam er zu plötzlich, zu gewollt und als Leser wäre man gerne in Frankfurt geblieben, da es sich nicht abgeschlossen anfühlte.
    Das manche Personen und vor allem ihr Innenleben nicht näher beschreiben werden, erscheint mir aber logisch, da das Buch ja aus Freiers Sicht geschrieben ist.

    Interessant jedenfalls, wie unterschiedlich dieses Buch bisher im Rahmen des Debütpreises aufgefasst wurde.

    Gruß
    Marc

    1. Lieber Marc! Danke für den Kommentar und fürs Verlinken! Ich hab auch Deine Rezension gelesen. Der Aspekt, dass das Ganze, obwohl es Ende der 90er spielt, als Kommentar auf Heute lesbar ist, kommt bei mir etwas zu kurz, ist mir aber natürlich auch positiv aufgefallen! Jetzt bin ich gespannt, was die Shortlist noch so bereit hält. „Das Genie“ habe ich grade niedergekämpft. Weiteres dazu folgt! 😉
      Herzliche Grüße zurück – und viel Spaß bei der weiteren Lektüre!

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