Das Debüt: Nachts ist es leise in Teheran

Das Muster eines arabischen Tellers.

„Für meine Eltern“, so lautet die Widmung in Shida Bazyars Debüt „Nachts ist es leise in Teheran“. Auf dem Cover: übereinander gelegte, durchscheinende Rechtecke, eines kleiner als das andere, durch die die Buchstaben des Titels abgedunkelt werden. Kämen noch mehr Rechtecke dazu, man könnte den Titel irgendwann nicht mehr lesen. Und das, so stelle ich fest, passt sehr gut zur Struktur des gesamten Buches, durch das eine bestimmte Zeit in Teheran hindurchscheint, auch wenn sich die Geschichte zwischendurch an ganz andere Orte bewegt.

Mit dem jungen Mann Behsad taucht man gleich zu Beginn ein in das Jahr 1979. Revolution im Iran. Flugblätter. Maschinengewehre. Das Leben der Großfamilie, die gefüllten Weinblätter, der Staub, die Straßen, die Kinder. Seine Freunde. Und seine große Liebe: die schöne Frau, die immer so viel liest und von der er hofft, dass sie seine Liebe erwidern wird.

Es folgt das Kapitel von Nahid, eben jener schönen Frau, die Behsad geheiratet hat und mit ihm nach Deutschland geflüchtet ist, als es im Iran zu gefährlich wurde.

In fünf Kapiteln, die je ein Jahrzehnt in den Fokus nehmen und in denen jeweils ein anderes Familienmitglied ins Zentrum rückt, erzählt Bazyar die Geschichte einer iranischen Familie – die Geschichte einer Flucht nach Deutschland, und wie sich die Kinder dann in der neuen Umgebung zurecht finden. Wie sie wieder in den Iran fliegen, als es möglich ist – und wie sich die stolzen Revolutionäre von einst in dem neuen Leben in verhuschte Arbeiter verwandeln, die bloß nicht auffallen wollen. Und wie der geschichtliche Hintergrund der Familie – die Revolution, die Opfer, die Flucht – immer mehr in den Hintergrund rückt, je mehr die Kinder heranwachsen.

Durch die Widmung „Für meine Eltern“, die auf der ersten Seite steht, macht deutlich, dass die Autorin diesem Prozess des Vergessens etwas entgegensetzen möchte, indem sie sich der Lebenswelt ihrer Eltern annähert. Dass sie die Vergangenheit durchs Erzählen wieder mit Leben füllt. So fühlt ich das jedenfalls an – dass diese Revolutionszeit sehr nah rückt und lebendig wird, und dass einem als Leserin klar wird, wie die Geschehnisse von damals auch das Leben der Nachkommen heute beeinflussen. Und es weht eine alte Sehnsucht durch das ganze Buch – die Sehnsucht nach dem besseren Leben für alle, die Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Vielleicht deswegen hat das Buch deswegen in mir so einen langen Nachhall, weil es nicht nur eine Familiengeschichte erzählt und durch Einfühlen in verschiedene Positionen die Verständigung zwischen den Generationen ermöglicht, sondern weil es auch noch eine feine, utopisch gestimmte Saite in mir zum Klingen bringt.


Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar
Link zum Buch bei buecher.de

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