Das Debüt: “Immer ist alles schön” von Julia Weber

Bild zum Roman "Immer ist alles schön" von Julia Weber. Bloggerpreis "Das Debüt 2017". Eine Porzellaneule schaut mit erschreckten Augen in die Kamera, dahinter Spielzeugtannenbäume und ein gemaltes Haus mit einem einzelnen Fenster, in dem das Licht brennt.

Das letzte Buch auf meiner Liste für “Das Debüt 2017” war “Immer ist alles schön” von Julia Weber. Und es fiel mir erst schwer, es zu lesen. Das lag aber mehr daran, dass es so ein schmerzliches Thema hat: vernachlässigte Kinder. Etwas, wo man nie gerne hinsieht, etwas, das man nicht gerne an sich heran lässt.

Entsprechend bedrückend fängt der Roman an: Zwei Kinder fahren mit ihrer Mutter “in den Urlaub”, also an einen nahegelegenen See und auf einen Campingplatz, denn die Familie hat wenig Geld. Da ist der Wald, die Kinder, die Mutter, und über allem liegt eine Traurigkeit, eine Verlorenheit, und die Vorahnung davon, dass gleich etwas Schreckliches passiert. Schon in dieser ersten Szenerie sind alle Motive enthalten, die sich im Folgenden weiter entwickeln: die Einsamkeit der Kinder, die goldene, ungreifbare Mutter, der Wald – und, noch wie harmlos und fast am Rand: der Alkohol.

Erzählt wird in erster Linie aus der Perspektive der Tochter Anaïs, die sich um ihren kleinen Bruder Bruno kümmern muss, wenn die Mutter wieder weggegangen ist, und die das Geschehen detailreich und farbig schildert, aber auch mit einem Hang zum Fabulieren, zum Erfinden: als sei das Weiterspinnen von Situationen eine ihrer Überlebensstrategien im schwankenden Leben mit der mal depressiven, mal liebesbedürftigen, mal sorgenden, liebenden Mutter. Dabei gerät sie mal in die Fantasie, mal ins Groteske, um die Situationen der Erwachsenen, die sie nicht in aller Tragweite verstehen kann, zu verarbeiten.

In anderen, kursiv gedruckten Passagen erzählt die Mutter, wie sie dahin gekommen ist, wo sie jetzt ist, allein und mit den zwei Kindern. Da sind all die Chancen, die nicht ergriffen wurden in ihrem Leben, die Möglichkeiten, die ungenutzt verstrichen sind, aber auch die Fesseln und Zwänge, die Ansprüche von außen, die sie am Lebendigsein hindern.

Bruno und Anaïs, die sich aneinander klammern in einer sich verdüsternden Welt, dazu die Mutter, eine liebende Frau voller Leidenschaft, nur leider immer am falschen Ort, in der falschen Welt und darum nicht zerbrechlich, sondern schon zerbrochen – das ist eine Konstellation voller Liebe und Schmerz. Die Kraft, die die beiden Kinder aus der Not heraus entwickeln, aber auch ihre Verlorenheit, Zerrissenheit und ihre Verletzlichkeit scheinen überall durch.

Julia Weber hat hier Worte für etwas gefunden, worüber sich nicht leicht sprechen lässt. Mit einer kunstvollen Sprache, die nur an wenigen Stellen etwas zu dramatisch, zu farbenreich oder zu gestelzt wirkt, schildert sie die Lebenswelt dieser Kinder und bleibt ganz nah an ihnen dran, nimmt sie ernst, bleibt mit ihnen auf Augenhöhe.

Dieses Debüt hat mich beeindruckt und besonders tief berührt.

 

“Immer ist alles schön” von Julia Weber
Link zum Buch bei buecher.de

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